Weingüter in Haro: Ein Ort, viele Persönlichkeiten

Weingueter in Haro: Muga
 
Inmitten von La Rioja, einer der bekanntesten Weinregionen Spaniens, liegt die malerische Kleinstadt Haro. Kaum ein Ort erlebte eine so rasante und bewundernswerte Entwicklung wie dieser. Haro bewies in Sachen Weinbau schon früh meisterliche Qualitäten – kein Wunder, dass sich hier gleich mehrere renommierte Weinhäuser niedergelassen haben. Spannend dabei: Trotz der gleichen Heimat und demselben Boden zeigt jedes Gut sein ganz eigenes Gesicht.

 

Die Weingüter rund um den Bahnhof der Stadt

 
Das Bahnhofsviertel von Haro ist ein Schmelztiegel spanischer Weinkultur. Zu verdanken hat dies die rund 11.300 Einwohner beherbergende Stadt dem Anschluss an das Eisenbahnnetz im Jahr 1863. All das Wissen und die Erfahrung, die französische Weinbauern auf der Flucht vor der Reblaus mit nach Haro brachten, wurden Basis für eine unnachahmliche Erfolgsgeschichte, die sich in den vier Häusern „La Rioja Alta“, „Bodegas Muga“, „Viña Tondonia“ sowie „Compañía Vinícola del Norte del España“ widerspiegelt.

Viña Tondonia

Viña Tondonia – im Jahre 1877 gegründet – gilt als Vorreiter der Weinkultur Haros. Das bis heute in Familienhand liegende Unternehmen setzt auf traditionelle Methoden der Weinbereitung, über die Maria José López de Heredia wacht. Der Verzicht auf Edelstahltanks ist Ehrensache, denn bei Viña Tondonia steht das Holzfass im Fokus. Das Weingut verfügt sogar über eine eigene Küferei.

Compañía Vinícola del Norte del España (CVNE)

Zwei Jahre nach der Gründung von Viña Tondonia erlebte das Gut „Compañía Vinícola del Norte del España“, kurz CVNE, seine Geburtsstunde in Haro. Auch hier hält die Philosophie eines traditionellen Familienunternehmens altbewährte Techniken und Methoden in Ehren. Zu CVNE gehören heute die Güter „CVNE“, „Imperial“ sowie „Viña Real“. Besondere Beachtung verdiente sich das Unternehmen im Jahr 2006, als es seine Bestockungsdichte je Hektar verdoppelte und den Ertrag stark reduzierte. Extraktreiche Tropfen mit charakteristischen Profilen waren das Ergebnis, welches CVNE bis heute internationalen Ruhm beschert.

La Rioja Alta

Im Jahr 1890 dann folgte das Weingut „La Rioja Alta“ dem Vorbild der beiden bereits gegründeten Güter. Fünf baskische Familien schlossen sich hier zum Unternehmen „Sociedad Vinicola de la Rioja Alta“ zusammen und haben es bis heute nicht aus der Hand gegeben. 360 Hektar Weinberge bewirtschaftet das Gut und setzt bei der Vinifikation auf moderne Technik. Vor ihrer Abfüllung in Flaschen reifen die Weine in Barriques, die in der gutseigenen Küferei produziert werden. „La Rioja Alta“ steht daher für die Verbindung althergebrachter Tradition mit den modernen Ansprüchen heutiger Weinkultur.

Bodegas Muga

1932 dann vervollständigte „Bodegas Muga“ das Qualitäts-Quartett rund um den Bahnhof in Haro. Ebenfalls als Familienunternehmen konzentriert sich Muga heute auf die Kombination von Tradition und Technologie – wobei Eichenholz den Wein während des gesamten Vinifikationsprozesses begleitet. Eine hauseigene Küferei und die Reifung der Weine im Holzfass gehören auch hier zum guten Ton – was Muga bei der Erhaltung seines erstklassigen Rufes unterstützt.

 

Gleiche Basis, ungeahnte Vielfalt

 

Eines ist klar: Alle Reben, welche die vier genannten Weingüter kultivieren, gedeihen in der gleichen Region unter nahezu denselben Bedingungen. Es gibt keine signifikanten Unterschiede, was die Beschaffenheit der Böden oder klimatische Besonderheiten betrifft. Und dennoch hat jedes der vier Häuser über Jahrzehnte hinweg eine ganz eigene Persönlichkeit entwickelt. Die Co-Existenz rund um den Bahnhof von Haro ist hier nicht geprägt von Konkurrenzdenken, sondern spornt jeden Inhaber dazu an, die Vielfalt aufrechtzuerhalten und immer wieder um neue Impulse zu ergänzen.

So kommen bei CVNE herrliche Rotweine ins Glas. Tempranillo, Graciano und Mazuelo sind Rebsorten, die das tägliche Geschehen bestimmen. Das große Potenzial zeigt sich in Weinen wie dem „Imperial Reserva“, die üppig und dicht daherkommen. Dunkle Beerenfrucht, Würznoten und warmes Holz mit Vanilleanklängen bestimmen die Weine des Hauses. Hier steht die Harmonie im Zentrum und CVNE konzentriert sich auf klare Statements mit kraftvollem Auftritt.

Dass auch Bodegas Muga mit Tempranillo Graciano und Mazuelo arbeitet, hinderte das Gut nicht an der Entwicklung seines ganz eigenen Stils, der sich ganz bewusst vom CVNE-Charakter unterscheidet. Hier kommen Rotweine wie der „ARO“ ins Glas, die mit feiner Fruchtigkeit und einer eher subtilen Aromatik auf sich aufmerksam machen. Eleganz und Komplexität beweist Muga jedoch nicht nur im Bereich der Rotweine – denn aus Rebsorten wie Viura, Garnacha Blanca oder Malvasia entstehen hier auch hervorragende Weißweine und Rosados.

Tempranillo, Graciano und Mazuelo erhalten bei Viña Tondonia mit Garnacha einen starken Partner. Hier entstehen Rotweine wie der „Viña Tondonia Reserva“ mit Noten von Vanille und Schokolade im genussvollen Tanz vereint mit dunkler Beerenfrucht. Die Weine von Viña Tondonia unterscheiden sich von CVNE, Muga oder auch La Rioja Alta vor allem durch ihre zarte Floralität, welche der Genießer in einem ruhigen Moment erkunden kann. Dass zudem auch Blancos aus Viura und Malvasia zum Repertoire von Viña Tondonia gehören, vergrößert das genussvolle Portfolio auf stilvolle Weise.

La Rioja Alta setzt auf die gleichen roten Rebsorten wie Viña Tondonia, interpretiert sie jedoch vollkommen neu. Hochwertige Tropfen wie der „Gran Reserva 904“ zeigen schnell, wohin die Reise hier geht. Intensive Würzigkeit, Holztöne und Nuancen von Tabak und Kakao schaffen ein tiefgründiges und sehr dichtes Genusserlebnis. Damit beweist das Gut, dass es nicht immer die Fruchtnoten sein müssen, die in einem guten Wein aus Haro die Hauptrolle spielen.

Angesichts der unterschiedlichen Gesichter Haros zeigt sich, dass Boden und Terroir nicht die einzigen bestimmenden Faktoren der Weinkultur sind. Tradition, Persönlichkeit und der Mut zu individueller Identität schaffen auch auf kleinsten Raum ein Spektrum, das Vielfalt nicht vermissen lässt.
 

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