Ende des 19. Jahrhunderts fiel die Reblaus über die Weinstöcke Europas her und brachte Ruin aber auch unverhoffte Chancen für manche Wein-Region mit sich.

Die große Reblausplage und ihre Auswirkungen

Im 18. Jahrhundert erlebte die Weinkultur Europas eine Zeit der Glückseligkeit. Zahllose Winzer in Frankreich und anderen Ländern hatten sich umfangreiches Wissen angeeignet und präsentierten Weine von herausragender Qualität. Dass diese Ära nur ein knappes Jahrhundert später ein jähes Ende finden sollte, bedrohte nicht nur die Existenz der Winzer, sondern auch den gesamten Fortschritt im Weinwesen. Heute erinnern nicht nur düstere Geschichten an die einstige Plage – für manche Region erwies sich die Katastrophe letztlich als Chance.

Wie die Reblaus nach Europa kam

Mit dem Einfall der Reblaus in Europa standen Winzer vor sterbenden Weinstöcken und suchten verzweifelt nach einem Ausweg. Dass es der technische Fortschritt war, der sie in diese prekäre Lage brachte, ist heute klar. So nutzten Wissenschaftler und Botaniker die Erfindung des Dampfmotors im 19. Jahrhundert, um seltene Pflanzen auf dem Seeweg nach Europa zu bringen. Vor allem die amerikanische Rebe „Vinis aestivalis“ wurde während dieser Zeit besonders oft eingeführt. Sie brachte die Reblaus schließlich als blinden Passagier in die europäischen Weinberge.

Ihren Anfang nahm die Reblausplage im Rhône-Tal des Jahres 1863. Zunächst war nicht klar, warum die Erträge zunehmend sanken und immer mehr Rebstöcke starben. Diese Unwissenheit ermöglichte es der Reblaus, sich über ganz Europa auszubreiten. Rund fünf Jahre später entdeckte Jules-Emile Planchon den kleinen Schädling, der die Wurzeln der Rebstöcke mit seinem Speichel infiziert und den Pflanzen somit die Lebensgrundlage nimmt. Es dauerte jedoch noch lange, bis Europa ein probates Mittel gegen die Reblaus finden sollte. Unwirksame Versuche, den Schädling mit vergrabenen Kröten oder Stockschlägen zu beseitigen, zogen die Plage in die Länge. Pestizide und das Fluten der Weinberge zeigten zwar kleine Erfolge, erwiesen sich jedoch als nicht dauerhaft praktikabel.

Schließlich fanden Wissenschaftler heraus, dass die amerikanischen Reben resistent gegen den Speichel der Reblaus waren. Durch das Aufpropfen der eigenen Reben auf den Wurzelstock ihres amerikanischen Verwandten fanden Winzer letztlich die einzig wirkungsvolle Schutzmaßnahme. Da sich „Vinis aestivalis“ jedoch zunächst mit dem Klima Europas anfreunden musste und das Aufpfropfen lange dauerte, dehnte sich die Reblausplage über drei Jahrzehnte aus. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten europäische Winzer nur noch ein Drittel ihrer Rebbestände erhalten können. Frankreich, das besonders hart von der Reblaus getroffen wurde, litt unter einer Verringerung seiner Weinproduktion um 75 Prozent.

Spanien in Zeiten der Reblausplage

Sorgte die Reblaus in nördlicheren Ländern schon ab der Mitte des 19. Jahrhunderts für verheerende Zerstörung, blieb der spanische Weinbau länger verschont von den Auswirkungen der Plage. Auch französische Winzer entdeckten, dass spanische Weinberge in Zeiten der Katastrophe verschont geblieben waren und bauten sich jenseits der Grenze eine neue Existenz auf. Für die spanische Weinkultur kann dies als glückliche Fügung bezeichnet werden, denn auf der Flucht vor der Reblaus brachten die Franzosen ihr gesamtes Wissen und ihre große Erfahrung mit. Vor allem in Navarra erlebte der Weinbau daher eine beträchtliche Qualitätssteigerung.

Gänzlich unberührt von der Reblausplage blieb jedoch auch Spanien nicht. Der Schädling fiel zwar später ein, zeigte aber auch hier sein zerstörerisches Potenzial. So manche Region konnte ihre Bestände nicht halten und hatte mit hohen Verlusten zu kämpfen. Lediglich La Rioja, weit genug entfernt von Frankreich, konnte sich bis zur Ankunft der Reblaus mit der Pfropf-Methode wappnen und blieb weitestgehend verschont.

Dass die Zeit zwischen dem Einfall der Reblaus in Spanien und der Entdeckung der Pfropf-Methode jedoch vergleichsweise kurz war, ließ das Land nur wenige Jahre leiden. Zeitgleich begannen Behörden damit, die Qualität des spanischen Weines durch strenge Regelwerke zu überwachen. Längst hatten sie erkannt, dass die Konkurrenz aus Frankreich nicht mehr in der Lage war, die Nachfrage nach hochwertigem Wein zu decken. Somit konnte sich Spanien erst durch die Auswirkungen der Reblausplage in Frankreich zu einem starken Konkurrenten entwickeln.

Rueda: Untergang und Wiederentdeckung der Verdejo

Reblausplage Verdejo | Silkes Weinblatt

Als die Reblaus 1884 nach Rueda kam, galt die helle Rebsorte Verdejo als qualitatives Glanzlicht. Die autochthone Rebe brachte hochwertige Weißweine hervor und erlaubte es den hiesigen Winzern, auch außerhalb Spaniens Bekanntheit zu erlangen. Doch ausgerechnet die Verdejo war es, die der Reblaus nicht standhalten konnte. Binnen kürzester Zeit mussten die Winzer Ruedas dabei zusehen, wie ihre geliebte Rebe starb und schließlich ganz verschwand.

Um auch weiterhin vom Weinbau leben zu können, konzentrierten sich Winzer in Rueda auf die Palomino-Rebe. Sie brachte zwar hohe Erträge, die erzeugten Weine konnten qualitativ jedoch nicht von sich überzeugen. Starke Oxidation und ein ranziges Aroma ersetzten eine Kultur, die die Verdejo noch vor wenigen Jahren zum Strahlen gebracht hatte. Glück, hier sind sich die Einwohner Ruedas sicher, brachte die Reblaus ihnen nicht.

So folgte in Rueda wie in vielen anderen spanischen Regionen auf die Reblausplage eine Zeit der Massenproduktion ohne Qualitätsanspruch. Winzer bemühten sich, in der Zeit der Erholung Frankreichs möglichst viel Wein zu produzieren und so die Lücke zu ihren Gunsten zu schließen. Doch wirklicher Genuss lag fern. Dies sollte sich erst ändern, als die Bodega Marqués de Riscal in den Siebzigerjahren einen französischen Önologen auf die Suche nach einer perfekten Lage für Weißwein schickte. Rein zufällig, bei einer kurzen Rast am Wegesrand, entdeckte Émile Peynaud eine ihm unbekannte Traube von herausragendem Geschmack: Die Verdejo!

Die Rückkehr dieser geschätzten Rebe in den Weinbau Ruedas sorgte binnen weniger Jahre für eine großangelegte Umstrukturierung der Weinberge und Bodegas. Endlich war es wieder möglich, hochwertigen Weißwein zu produzieren, der das bisherige Streben nach Quantität vergessen ließ. Ruedas Winzer nutzten ihre Chance und erreichten gemeinsam mit dem Verdejo den rasanten Aufstieg ihrer Region. Heute sind weiße Weine aus der einst verschollenen Rebe in aller Welt berühmt. Fall und Wiederaufstieg waren notwendig, um auch diesem Teil Spaniens nach der Reblauskatastrophe zu internationalem Ruhm zu verhelfen.

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