Doppelstück-Schwestern zwischen Reben

Winzerview mit den Doppelstück Schwestern

In der rheinhessischen Gemeinde Ingelheim leben die beiden Schwestern Marie und Julia Wasem. Hier steht auch das Weingut „Wasem Doppelstück“, welches zwar an die Familientradition anknüpft, aber dennoch einen Neubeginn markiert.

Im Winzerview erzählen Marie und Julia, was Weinbau für sie bedeutet und was sie als Winzerinnen bewegt.

Hallo, schön, dass Sie Zeit für unser Winzerview finden. Gleich zu Beginn eine außergewöhnliche Frage: Was sollten alle über Sie wissen?

Julia Wasem: Hallo! Wir, also ich und meine Schwester Marie, stehen für eine neue Generation weiblicher Weinmacher. Für uns gehören Qualität und Femininität, Wissen und Gefühl, Innovation und Nachhaltigkeit zusammen.

Marie Wasem: Hallo! Das stimmt. Auch dass wir, obwohl es in unserer Familie bereits eine Weintradition gibt, noch einmal neu angefangen haben, gehört wohl zu den wichtigsten Fakten. Die Erfahrung unseres Papas spielt dabei eine besondere Rolle, denn unsere neuen Ideen realisieren wir auch dank seines reichen Erfahrungsschatzes.

Julia Wasem: Genau. Daher mögen wir das Motto: „Langjährige Erfahrung trifft auf junge Dynamik“.

Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich täglich konfrontiert?

Marie Wasem: Der letzte Sommer war eine große Herausforderung. Vor allem auch, weil wir zu diesem Zeitpunkt auf Bioweinbau umstellten. Durch den weiter fortschreitenden Klimawandel beschäftigen wir uns viel mit PIWI-Rebsorten, um uns auf die kommenden Jahre vorzubereiten und die Weinberge so zu strukturieren, dass es wegweisend und zukunftsgeeignet ist.

Wagen wir eine Reise in die Vergangenheit: Woher kam der Wunsch, Winzer zu werden?

Julia Wasem: Wahrscheinlich war es die familiäre Tradition. Unsere Eltern und die Generationen vor ihnen arbeiteten im Weinbau und schrieben über Jahrzehnte hinweg eine sehr ereignisreiche Geschichte. Irgendwie war es für uns nur konsequent, diesem Weg zu folgen.

Marie Wasem: Absolut. Bei uns war es jedoch nicht so, dass wir ein elterliches Gut übernehmen konnten. Stattdessen gründeten wir alle gemeinsam als Familie „Wasem Doppelstück“ und eröffneten das Haus am ersten Juli 2019.

Julia Wasem: Das war wirklich eine spannende Zeit. Wir waren vollkommen frei in der Gestaltung unseres Projekts und setzten vieles um, was wir uns persönlich von einem Weingut wünschen und erhoffen.

Marie Wasem: Dennoch war die Zeit enorm arbeitsintensiv, da wir keine Kundenstruktur hatten und bei null gestartet sind. Aber gelohnt hat sich die Mühe allemal!

Frau schwenkt eine Weinflasche über ihren Kopf

Was wären Sie geworden, wenn nicht Winzer?

Julia Wasem: Vielleicht wären wir Lehrerinnen geworden. Es ist uns sehr wichtig, junge Menschen in den Beruf zu begleiten und ihnen eine gute Ausbildung zu bieten. Deshalb bilden wir bei uns auch in den Bereichen Büromanagement und Weinbau aus.

Wie verteilen sich die Aufgaben in Ihrem Gut?

Marie Wasem: Ich übernehme die kaufmännische Betriebsleitung, Julia ist Winzerin und leitet den Außenbetrieb.

Gibt es bereits Ideen für die nähere Zukunft?

Julia Wasem: Ja, nach etwa drei Jahren stoßen wir räumlich an unsere Grenzen. Aktuell überlegen wir, wie wir uns vergrößern können.

Marie Wasem: 2019 starteten wir mit siebzehn Hektar und haben heute 23 Hektar. Expansion ist daher schon in den vergangenen Jahren geschehen.

Haben Sie besondere, seltene oder auch regional typische Rebsorten in ihrem Repertoire?

Julia Wasem: Wir haben jeweils fünfzig Prozent rote und weiße Sorten. Hier überwiegen Riesling und Spätburgunder. Außerdem liegt unser Fokus auf Burgundersorten.

Marie Wasem: Wie bereits angesprochen, beschäftigen wir uns außerdem mit PIWI-Rebsorten. Wir möchten unser Portfolio grundsätzlich eher etwas cleaner halten. Viele „historische Rebsorten“ haben wir daher aus dem Sortiment genommen und die Weinberge gerodet. So schaffen wir Platz für bestehende Sorten.

Worauf legen Sie bei der Bewirtschaftung Ihrer Weinberge besonders großen Wert?

Julia Wasem: Besonders wichtig ist uns viel Handarbeit. Wir lesen bis zu achtzig Prozent unserer Trauben von Hand. Abgesehen davon bewirtschaften wir unsere Rebflächen zu einhundert Prozent ökologisch. Unsere nächsten Meilensteine sind jetzt die offizielle Zertifizierung und der erste Jahrgang mit Biosiegel.

Möchten Sie gerne etwas über Ihre Lagen und Heimat erzählen?

Marie Wasem: Wir bewirtschaften unsere Weinberge in Ingelheim und Elsheim. In Ingelheim ist das Klima etwas wärmer und daher perfekt für Spätburgunder sowie Rotwein allgemein. In Elsheim ist es etwas kühler. Hier sind die Böden kalkhaltig, was unsere Weine so schön mineralisch macht.

Terasse mit Blick auf ein Weingut

Wie gestaltet sich Ihre Philosophie im Keller?

Julia Wasem: Unser Lesegut erfährt eine sorgfältige Selektion. Wir achten darauf, hochwertige und gesunde Früchte zu verwenden. Diese pressen wir sehr schonend. Außerdem setzen wir im Keller auf kleine Gebinde und bereiten unsere Weine nach Lagen. Beim Ausbau mögen wir Holz.

Marie Wasem: Ja, besonders französische Eiche. Als Barrique, Tonneau oder eben auch Doppelstück-Fass.

Jeder braucht einen Retter in der Not: Wen rufen Sie an, wenn es ein Problem in Weinberg oder Keller gibt?

Julia Wasem: Unsere Eltern sind an erster Stelle unserer größten Mutmacher und Unterstützer. Sie sagen immer: „Es gibt für jedes Problem eine Lösung, aber wir kümmern uns darum, wenn es soweit ist.“ Wir vertrauen daher gerne auch auf uns selbst und unser Bauchgefühl. Das hat uns nach drei Jahren dorthin gebracht, wo wir heute stehen.

Marie Wasem: Außerdem haben wir viele enge Freunde aus dem Weinbau und Julias Freund ist ebenfalls ein Winzer mit eigenem Weingut. So entstehen viele Synergien und ein guter Austausch, der alle weiterbringt.

Hand aufs Herz, was bringt Sie im Zusammenhang mit Wein so richtig auf die Palme?

Marie Wasem: Julia ist ein absoluter Ordnungsfanatiker, hier darf keine Bürste, Schlauch oder ähnliches an der falschen Stelle im Keller liegen. Julias Schreibtisch sieht auch aus, als würde hier niemand sitzen – Kein Post-it am Bildschirm, kein Stift liegt ‚rum.

Julia Wasem: (lacht) Das stimmt wohl. Bei Marie ist es das genaue Gegenteil – das strukturierte Chaos lebt.

Was machen Sie in Ihrer wenigen freien Zeit?

Marie Wasem: Wir fahren im Winter in jeder freien Minute, in die Berge zum Skifahren. Wir sind begeisterte Wintersportler und da kann es schon sein, dass wir über dreißig Tage auf den Brettern stehen. Im Sommer genießen wir gerne ein gutes Glas Wein mit Freunden.

Menschen um einen Tisch mit Wein und Essen

Zuhause ist’s am schönsten! Würden Sie dennoch auch woanders Wein machen?

Julia Wasem: Eigentlich wollte ich ein dreimonatiges Praktikum in Südafrika absolvieren, leider hat mir Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ansonsten machen wir im Sommer immer gerne Urlaub, wo auch Weinreben sind. Am schönsten ist es aber zu Hause.

Verraten Sie uns die absoluten Tops und Flops Ihrer bisherigen Karriere?

Marie Wasem: Die Gründung war das Highlight. Wir hatten viel Zuspruch und Unterstützung von Freunden und Familien. Seitdem hat sich viel entwickelt und für uns ist es manchmal selbst völlig verrückt, was wir alles geschafft haben.

Julia Wasem: Der Flop war leider die Corona Zeit. Bis heute gab es bei uns kein „normales, volles Jahr“.

Wir wünschen uns einen Reisetipp für Ihre Region. Was sollten wir unbedingt besichtigen?

Marie Wasem: Wir empfehlen ein Wochenende in unserem schönen Weinhotel mit Weinwanderung und dem Besuch unserer schönen Ausstellung der Kellergenossen in Ingelheim. Am Abend mit einem leckeren Glas Doppelstück Wein in unserem Hotelgarten mit Blick auf die Weinberge. Einfach die Seele baumeln lassen.

Auf welche Frage hatten Sie in jüngster Zeit keine Antwort?

Julia Wasem: Unser Weingut hat sich im letzten Jahr auf Events spezialisiert. Nun stellt sich die Frage aller Fragen: Hochzeiten ja oder nein? Noch haben wir keine Antwort hierauf gefunden.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Privatsphäre verwalten
Mehr Beiträge
Mann vor Weinberg stehend
Winzerview mit Leonard Gramona vom Weingut Gramona