Frau mit Weintrauben und Rotweinglas in den Händen

PIWI-Reben: Innovation im Weinbau oder substanzlose Neuzüchtungen?

Die Weinwirtschaft stand und steht seit Anbeginn der Zeit vor Herausforderungen: Schädlinge, Krankheiten und das Klima zwingen Winzer dazu, sich immer neue Lösungsansätze zu erarbeiten. Dass das gelingt, sichert der Genusswelt bis heute verlässliche Qualität und ein vielfältiges Angebot. Manche Hürden aber bleiben. Mit den neuen PIWI-Reben gedeihen in einer wachsenden Zahl von Weinbergen Rebstöcke, die Besonderes leisten.

Vom gemischten Satz zu neuen Herausforderungen

Der frühe Weinbau, lange bevor die Industrie Einfluss auf die internationale Wirtschaft übte, war wild und wenig strukturiert. Weinbauern kultivierten ihre Reben im sogenannten Gemischten Satz durcheinander in Weinbergen, was gut für die biologische Vielfalt war. Dem Genuss allerdings diente der Gemischte Satz nicht immer.

Daher konzentrierten sich mehr und mehr Winzer auf sortenreinen Anbau, die Reblaus aber unterbrach das Geschehen jäh. Binnen weniger Jahre zerstörte der kleine Schädling aus den USA hektarweise Reben und hinterließ Weinbauern vor den Scherben ihrer Existenz. Mit reblausresistenten Kreuzungen aus amerikanischen und europäischen Reben gelang es schließlich, den Schädling zu stoppen.

Die Reblaus aber war nicht das einzige importierte Problem: Auch der Echte und der Falsche Mehltau breiteten sich in den Weinbergen aus und erforderten ein ganz neues Maß an Pflanzenschutz. Mit Schwefel, der Bordeaux Brühe (Kupfersulfat) und später auch synthetisch erzeugten Fungiziden gelang es Winzern, ihre Reben vor den Pilzkrankheiten zu schützen.

Für die Weinberge aber bedeutete der Wandel steigende Pestizidmengen und eine entsprechend wachsende Umweltbelastung. Heute gilt der Weinbau als einer jener Wirtschaftsbereiche, in denen besonders große Mengen von Pestiziden zum Einsatz kommen.

Weintrauben mit Pilz befallen
Rotweinrebe mit Mehltau
Rotweinrebe
PIWI-Rebe

Neuzüchtungen als Lösungsansatz

Wie auch bei der Reblaus traten Hybridreben als mögliche Lösung gegen Echten und Falschen Mehltau auf das Parkett. Bei den frühen Züchtungen wie Delaware, Clinton und Noah handelte es sich um die ersten Vorläufer der heutigen PIWI-Reben. Sie allerdings eigneten sich nicht für Qualitätswein, denn alle von ihnen wiesen eine animalische Note auf, die an Fuchs erinnerte. Dieser als Foxton bezeichnete Makel beendete die Zucht und verhinderte eine Ausbreitung der Reben.

Die Hybrid-Reben haben es nicht leicht

In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts jedoch kamen in Frankreich neue Hybride auf den Markt. Bis in die fünfziger Jahre hinein etablierten sie sich vortrefflich und nahmen schließlich mehr als 400.000 Hektar Rebfläche ein. Diese erstmals erfolgreichen Hybrid-Reben trugen Namen wie Jaquet, Seyval Blanc und Léon Millot.

Nicht einverstanden mit ihrer Ausbreitung aber war die französische Regierung. Sie belegten die Anmeldung und Zulassung mit hohen Gebühren und erließen Regelungen, welche es Winzern kaum möglich machten, diese Reben zu verwenden. Infolgedessen verschwanden auch diese potenzialreichen Züchtungen nahezu vollständig aus den Weinbergen.

In Frankreich sind die Neuzüchtungen bis heute wenig beliebt. Die Weinkultur des Landes öffnet sich ihrem Potenzial nur sehr zögerlich, sodass auch Vorreiter einer möglicherweise neuen, pilzwiderstandsfähigeren Ära lediglich langsam vorankommen.

Steigende Akzeptanz in europäischen Ländern

Anders als in Frankreich sah und sieht es jedoch in anderen Ländern aus. Unter anderem Deutschland, Österreich und Ungarn öffnen sich den pilzwiderstandsfähigen Reben mit Blick auf deren vielfältiges Potenzial. Auch der Schweiz und in Übersee genießen die innovativen Sorten zunehmendes Interesse. Experten züchten die neuen Sorten beispielsweise in

  • Freiburg,
  • Siebeldingen,
  • Geisenheim,
  • Eisenstadt
  • und Klosterneuburg.

Der Grundsatz ist dabei stets gleich. Für die Entstehung einer PIWI-Rebe braucht es eine Rebe der Gattung Vitis vinifera und eine besonders pilzresistente Variante. Diese kreuzen Forscher dann im Labor und erhalten eine neue Sorte, welche Pilzkrankheiten besser widersteht. Nicht Teil des Entwicklungsprozesses der PIWI-Reben ist Gentechnik.

Die Vorzüge der PIWI-Reben

Dass die PIWI-Reben gut gegen Mehltau ankommen, ohne dabei Pestizide zu benötigen, ist ein klarer Vorteil. Winzern ist es mit PIWI-Reben möglich, erheblich weniger Pflanzenschutzmittel zu verwenden und somit eine schonendere Wirtschaftsweise zu gestalten. Doch nicht nur direkt macht sich die neue Form der Rebsorten viele Freunde. Auch ihre indirekten Vorteile überzeugen, den PIWI-Winzer:

  • verwenden weniger Ressourcen,
  • verringern klimaschädliche Emissionen,
  • sparen Energie,
  • senken den Kraftstoffbedarfund verwenden weniger Maschinen im Weinberg.
Mann schüttet Trauben in Gefäß

So gelingt es mit PIWI-Reben im Weinberg

An der Hochschule Heilbronn gibt es darüber hinaus das Projekt „NoViSys“, in dessen Rahmen sich Wissenschaftler mit dem nachhaltigen und klimafreundlichen Anbau von PIWI-Reben beschäftigen. Sie fanden heraus, dass der Mix aus PIWI-Reben und Minimalschnitt in Spaliererziehung besonders vorteilhaft ist.

Bekannte PIWI-Reben und ihr Charakter

Die pilzwiderstandsfähigen Reben bieten Winzern und der Natur folglich zahlreiche Vorteile. Selbstverständlich spielt auch der Genuss eine entscheidende Rolle. Genießer, die die neuen Reben auf Etiketten entdecken, beäugen PIWIs oftmals kritisch. Das wiederum liegt schlicht daran, dass es sich um neue Namen handelt, an die sich Auge und Ohr noch nicht gewöhnen konnten.

Dass das jedoch gelingen kann, beweist eine der berühmtesten PIWI-Reben, die den Namen „Regent“ trägt. Die Rotweinrebe entstand am Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof im Rahmen einer Kreuzung von Diana und Chambourcin. Genießer schätzen die seit 1997 für Qualitätsweine zugelassene Rebe inzwischen sehr. Sie bringt Nuancen von Pflaume und Kirsche, eine dichte Struktur sowie einen reifen Charakter in den Wein.

Weitere PIWI-Reben, welche sich heute zunehmend einen Namen machen, sind:

  • Muscat Bleu: Eine rote Kreuzung aus Garnier und Seve Villard mit würzigem Muskat-Aroma.
  • Villaris: Eine Weißweinrebe aus Sirius und Vidal Blanc, welche an Grau- und Weißburgunder erinnert.
  • Reberger: Gekreuzt aus Regent und Lemberger bietet die Rotweinrebe kraftvolles Tannin, intensive Farbe und reiche rote Frucht.
  • Cabernet Blanc: Eine aus Cabernet Sauvignon und mehreren resistenten Partnerreben erzeugte Sorte mit mineralischen, säuerlich fruchtigen und vegetabilen Nuancen im Bukett.
  • Sauvignac: Eine weiße Sorte, die aus Sauvignon Blanc, Riesling und resistenten Partnern entstand und sich für sehr vielfältige Weißweine mit charmantem Rieslingcharakter eignet
  • Baron: Rotweinrebe aus Cabernet Sauvignon und einer aus Merzling sowie einer weiteren Kreuzungsrebe gewonnenen Sorte. Bringt viel Farbe, Extrakt und intensive Kirsch- sowie Waldfrucht in den Wein.

Die bereits in dieser kleinen Übersicht gezeigten PIWI-Reben beweisen: Das Potenzial der neuen Rebsorten ist riesig. Mit mehr Nachhaltigkeit und verbessertem Umwelt- sowie Klimaschutz gelingt es Winzern dank ihnen nicht nur, ihren Beruf auf zukunftsfähigen Boden zu bringen. Auch bieten die pilzwiderstandsfähigen Reben die Chance, neue Genussmomente zu erzeugen und den Portfolios prestigeträchtiger Weingüter zusätzliche Facetten zu schenken.

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